Theda Bara

Cleopatra
R: J. Gordon Edwards. D: Theda Bara, Fritz Leiber, Thurston Hall, Alan Roscoe. P: Fox Film Corporation. USA 1917
Fragment of the legendary ‘lost’ film found in Coney Island

“In this mighty production the career of Egypt’s Vampire Queen is shown from beginning to end. Her conquests of the three greatest men of her time-not by armies but by her womanly wiles. The costumes worn by Miss Bara are one of the striking features of the production. Words can hardly describe the costume she wears in the scene when she first meets the noble Ceaser. Theda Bara presents a picture that out rivals is splendor and sensuousness anything that the real Cleopatra may have attempted. Cleopatra is a production that you will never forget.”
Dunkirk Evening Observer, Monday, April 1, 1918
Silent Hollywood

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Theda Bara as Cleopatra, 1917

336-Theda Bara als Cleopatra mit Fritz Leiber als Caesar

Theda Bara as Cleopatra, Fritz Leiber as Caesar

Theda Bara – der erste Vamp der Filmgeschichte

“Fünf Jahre arbeitet Theda Bara für William Fox; sie dreht fast vierzig Filme, ausnahmslos Varianten des Vamps – bis der Vampir selbst ausgelaugt ist, aufs bloße Image reduziert, und nicht einmal mehr auf der Bühne die Männer in den Wahnsinn und die Frauen zur Hysterie zu treiben vermag. Zuvor allerdings absolviert sie nahezu das gesamte „klassische“, aus der Romantik importierte Vamp-Programm. Nur sie kann für sich in Anspruch nehmen, das Repertoire der romantisch-archaischen Heroinen und der Fin de siècle-Medusen noch einmal durchgespielt zu haben – Frauen, die den Männern zum Verderben gereichen und eben daran selbst zugrun-degehen.
Schon 1915, unter der Regie von Raoul Walsh, spielt sie die Hauptrolle in CARMEN und erzählt den Reportern, sie selbst sei Ar Minz, das Urbild der Carmen, und müsse in einem früheren Leben Mérimée als Vampir begegnet sein. Zum Beweis unterbricht sie die Pressekonferenz, um sich rohes Fleisch servieren zu lassen.
Theda Bara spielt Alexandre Dumas’ Kameliendame in CAMILLE (Regie J. Gordon Edwards, 1917) und läßt die Fan-Magazine verbreiten, ein Verehrer habe sich mit einer Giftschlange, die sie als Armband zu tragen pflege, das Leben genommen. Sie dreht MADAME DUBARRY (J. Gordon Edwards, 1917), sie liebt als CLEOPATRA (J. Gordon Edwards, 1917), sie tanzt als SALOME (J. Gordon Edwards, 1918) – und erfüllt somit fast lückenlos das Repertoire jener „frenetischen“ Sex-Figuren, die wenige Jahrzehnte zuvor in der Literatur und der bildenden Kunst dominiert hatten; Phantome an der Schnittstelle zwischen (schwarzer) Romantik und Moderne: ‘The vampire that Bara played was really a ninteenth century character that thrived on the silver screen for a brief period before the Modern Age took hold in the 1920s and the nation conceded that gender roles were not entirely separate and unequal.’
Zu den Mythen, die Fox und seine Werbeagenten um Theda Bara konstruieren lassen, gehört die Fama vom Verzicht auf die eigene Liebesfähigkeit: ‘Every woman must choose whether she will love or be loved. She cannot hope for both.’ Ein Woman Vampire bringe die Männer zur Raserei, weil ihm selbst die Erfüllung versagt sei. Der Vertrag, den Theda Bara 1917 unterzeichnet, modelliert auf der juristischen Ebene präzis die Konturen einer der alltäglichen Öffentlichkeit, ja dem ‘Leben’ selbst entrückten Kunstfigur: Sie verpflichtet sich, nicht zu heiraten, sich in der Öffentlichkeit unter einem undurchsichtigen Schleier zu verbergen, niemals öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen und unter gar keinen Umständen in ein türkisches Bad zu gehen. Doch Theda Bara selbst verleiht der nonnenhaften Imago einer keuschen Medusa den Akzent radikaler feministischer Rebellion: ‘For every Woman Vampire, there are ten men of the same type’ – Männer, die den Frauen alles rauben, ihre Liebe, Schönheit, Hingabebereitschaft und Jugend – ohne ihnen etwas zurückzugeben! Das V in ‘Vampire’ stehe auch für ‘vengeance’, Vergeltung; in den von ihr gespielten Rolle nehme das weibliche Geschlecht Rache am Ausbeuter Mann. ‘You see, I have the face of a Vampire, perhaps, but the heart of a feministe.’
Klaus Kreimeier: Vom Vampir zum Vamp. In: Rolf Aurich u.a. (Hrg.): Künstliche Menschen. Berlin 2000, S. 98